Kurze Entwicklungsgeschichte
Malawi | © Martin Aufmuth

Kurze Entwicklungsgeschichte

Martin Aufmuth, Erfinder der EinDollarBrille, erzählt in Form von Tagebucheinträgen von den Anfängen seiner Initiative.

09.06.2009: Beginn einer Vision
In dem Buch „Out of Poverty“ von Paul Polak lese ich das erste Mal von einer Idee, die mein Leben und das meiner Familie dauerhaft verändern sollte. Polak schreibt über eine wichtige Erfindung, die es noch nicht gibt: eine günstige Brille, die sich Menschen leisten können, die von 1 Dollar am Tag leben müssen. Ich denke mir: „Schade, dass es so eine Brille nicht gibt ...“ und lese weiter.

Ein paar Tage später sehe ich im 1-Euro-Laden zufällig Brillen für 1 Euro! Ich überlege: Warum gibt es in einem reichen Land wie Deutschland Brillen für 1 Euro und in armen Ländern nicht?


14.11.2009: Mein Forscher- und Erfindergeist ist geweckt

Monatelang sammle ich Informationen über unterschiedliche Brillentypen, experimentiere mit verschiedensten Materialien. Eine Brille hat ein Fahrradbremskabel als Nasensteg, voll flexibel, günstig in der Herstellung, allerdings benötige ich dazu Schrauben. Und die können leicht verloren gehen. Ich verwerfe das Modell. Weitere Modelle folgen, ich arbeite etwa 1000 Patente durch, durchforste das Internet und diverse Kaufhäuser nach verschiedenen Brillentypen und dann …

11.04.2010: Die erste EinDollarBrille ist fertig!
Der Rahmen aus gebogenem Federstahldraht mit den gehärteten Linsen aus Polykarbonat ist so stabil wie bei einer teuren Brille aus Titanflex. Zum Test lege ich die Brille auf meinen Stuhl und setzte mich darauf – sie hält. Die Linsen lassen sich mit einem einzigen Handgriff in den Rahmen einklicken. Werkzeug ist nicht erforderlich. Zwei farbige Glasperlen verleihen der Brille ein hübsches, individuelles Design (auch arme Menschen haben eine schöne Brille verdient). Und das Wichtigste: Die gesamten Materialkosten liegen bei ca. 0,80 US-Dollar.

20.04.2010: In unserer Waschküche
(bei Gates war es die Garage) stelle ich in monatelanger Kleinarbeit die erste Handbiegemaschine für meine Brillen her. Sie ist noch etwas umständlich zu bedienen und nicht besonders präzise, aber die ersten Brillenrahmen lassen sich damit bereits biegen. Jetzt kann der Praxistest beginnen ...

31.03.2012: Feuerprobe in Afrika
Es ist Nacht. Ich verlasse das Flughafengebäude in Entebbe/Uganda. Tropisch feuchte Luft schlägt mir entgegen. In zwei schweren Kisten befinden sich drei meiner Biegemaschinen, einige Kilo Federstahldraht, Schrumpfschlauch und Perlen. Mir ist etwas mulmig zumute und mir gehen verschiedene Fragen durch den Kopf: Was mache ich hier eigentlich? Interessiert sich hier überhaupt jemand für meine Brillen? Ist mein Konzept praxistauglich?

Etwa 800 Menschen lagern am nächsten Morgen bereits vor dem Krankenhaus von Kasana. Fünf Trainees warten auf mich. Ihnen werde ich in den folgenden zwei Wochen die Herstellung der EinDollarBrillen auf meinen Maschinen beibringen. Zeitgleich versorgen wir bereits rund 500 Kinder, Erwachsene und alte Menschen mit Brillen. Nach zwei Wochen habe ich viel gelernt und ich weiß: Meine Idee funktioniert!


21.06.2012: Vereinsgründung

Zusammen mit sechs Kolleginnen und Kollegen gründen wir den Verein EinDollarBrille. Kurze Zeit später wird er vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt.

28.10.2012: Das zweite Training in Afrika
Insgesamt 14 Trainees arbeiten von früh bis spät an den Maschinen. Diese habe ich, ausgehend von meinen Erfahrungen im Frühjahr, nochmals stark vereinfacht. Für die Herstellung einer kompletten Brille benötige ich jetzt nur noch 12 Minuten. Nach 10 harten Trainingstagen bekommen die besten 2Absolventen eine Biegemaschine überreicht. Sie arbeiten seither als selbstständige EinDollarBrillen-Optiker und haben bereits weitere Mitarbeiter ausgebildet.

Als mobile Fahrradoptiker fahren sie von Dorf zu Dorf, im Gepäck eine Handvoll Rahmen und einen Kasten mit Linsen unterschiedlicher Dioptrien. Die Fehlsichtigen werden vor Ort getestet und erhalten im Anschluss eine individuell angepasste Brille. Eine Näherin ist überglücklich, dass sie nun den Faden wieder in die Nadel einfädeln kann. Ein sechzigjähriger Mann sieht das erste Mal in seinem Leben sein Dorf. Scheinbar behinderte Kinder können plötzlich ganz normal am Unterricht teilnehmen.


02.02.2013: Eine Vision könnte wahr werden
Inzwischen melden sich fast täglich Vertreter von Organisationen aus den verschiedensten Ländern dieser Erde, weil sie mein Konzept in ihre Arbeit integrieren möchten. In Deutschland biete ich regelmäßig Biegekurse an, immer auf der Suche nach Mitstreitern, die dann meine Maschinen in die Welt hinaustragen und dort EinDollarBrillen-Optiker ausbilden können.

Einzelne Maschinenbau-Unternehmen haben angeboten, kostenfrei Teile für die Biegemaschinen zu fertigen. Ein Anfang ist gemacht! Ich bin inzwischen zuversichtlich: Wenn sich noch viele, viele Unterstützer finden, können wir es schaffen ein globales Problem zu lösen, und 150 Millionen Menschen weltweit dauerhaft mit Brillen versorgen.